Was sind 1e-Vorsorgepläne? Eine neue Chance?

Das neue Gesetz vom 1. Oktober 2017. Die Verordnungen dazu wurden am 30. August 2017 publiziert.
Heute kann ein Arbeitgeber für seine Mitarbeiter, welche mehr als CHF 126’900 pro Jahr verdienen (z.B.  Kadermitarbeitende, Management etc.), einen Vorsorgeplan einrichten, bei dem sie individuell zwischen unterschiedlichen Anlagestrategien wählen können. Diese Art Vorsorgeplan wird «1e-Vorsorgeplan» genannt (Artikel 1e BVV2).

Obwohl diese Pläne für Mitarbeitende, die mehr Freiheit und Eigenverantwortung in Ihren Anlagen möchten, eine interessante Alternative darstellen, werden 1e-Vorsorgepläne in der Praxis selten eingerichtet. Dies aufgrund der Ausnahmeregelung, dass die Vorsorgeeinrichtungen beim Austritt eines Versicherten den Mindestbetrag im Sinn von Artikel 17 FZG übertragen müssen. Das heisst: Verluste müssten dementsprechend aus einer Anlagestrategie ggf. durch die Vorsorgeeinrichtung und die verbleibenden Versicherten getragen werden.

Der neue Artikel 19a FZG

Gemäss dem neuen Artikel 19a FZG können die Austrittsleistungen in Zukunft so kalkuliert werden, dass der Versicherte, der sich für einen 1e-Vorsorgeplan entschieden hat, bei einem Austritt nur den tatsächlichen Wert seines Vorsorgeguthabens erhält. Das Verlustrisiko wird direkt vom austretenden Versicherten selbst getragen.

Die Vorsorgeeinrichtungen müssen dann aber mindestens eine risikoarme Anlagestrategie anbieten müssen. Hierbei handelt es sich um eine Anlage, bei welcher der Nennwert des Guthabens aller Wahrscheinlichkeit nach erhalten bleibt.  Risikoarme Anlagen sind: Bargeld sowie Forderungen mit guter Bonität in Schweizer Franken, die auf einen festen Geldbetrag lauten, wobei die durchschnittliche Laufzeit nicht länger sein darf als fünf Jahre (zum Beispiel Postscheck- und Bankkonti, Geldmarktanlagen mit einer Laufzeit von bis zu 12 Monaten, Kassen- und Anleihensobligationen oder schweizerische Grundpfandtitel).

Alle anderen Bestimmungen der beruflichen Vorsorge, insbesondere die allgemeinen Grundsätze gemäss Art. 1 Abs. 3 BVG (d. h. die Grundsätze der Angemessenheit, der Kollektivität, der Gleichbehandlung, der Planmässigkeit sowie des Versicherungsprinzips) gelten natürlich weiterhin. Wenn die Firma X-Müller AG z.B. einen 1e-Vorsorgeplan anbietet, so wird die Teilnahme für alle Arbeitnehmenden, welche die objektiven Kriterien für die Aufnahme in einen solchen Plan erfüllen, zwingend (Kollektivitätsprinzip).

Zu betonen ist ebenfalls, dass die Vorsorgeeinrichtung die versicherte Person, nennen wir ihn Herr Müller, bei der Wahl einer Anlagestrategie über die verschiedenen Strategien und die damit verbundenen Risiken und Kosten informieren muss. Die Informationen müssen der Sachkenntnis der versicherten Person angepasst sein. Die Informationspflichten sind somit identisch wie bei einer Bank. Deshalb wird in der neuen Bestimmung auch eine schriftliche Bestätigung der versicherten Person verlangt, dass sie beim Eintritt in die Vorsorgeeinrichtung die entsprechenden Informationen erhalten hat, bevor sie sich für eine Anlagestrategie entschieden hat. Dasselbe gilt bei einem Wechsel der Anlagestrategie. Herr Müller muss sich also gut überlegen, ob er das Anlagerisiko zu 100% selbst tragen will.

Abweichend vom in der beruflichen Vorsorge geltenden Grundsatz der durchgehenden Verzinsung der Austrittsleistung (Art. 2 Abs. 3 FZG) muss die Austrittsleistung ab dem Zeitpunkt der Fälligkeit nicht verzinst werden. Absatz 4 derselben Bestimmung ist hingegen weiterhin anwendbar. Wenn also die Vorsorgeeinrichtung mit der Überweisung in Verzug gerät, obwohl sämtliche hierfür erforderlichen Angaben vorliegen, trägt sie das Risiko den Mindestzins zu erwirtschaften und schuldet einen Verzugszins. Für die Vorsorgeeinrichtungen können sich Schwierigkeiten ergeben, wenn der Austritt eines Versicherten verspätet oder gar nicht vom Arbeitgeber gemeldet wird. Wenn das Anlagegefäss Verluste einfährt, aber nicht liquidiert wurde, weil die Pensionskasse nicht über den Austritt informiert wurde, stellt sich de facto die Frage, wer für diese Verluste aufkommen muss. Die Pensionskassen werden wahrscheinlich entsprechende Haftungsvorbehalte in ihren Reglementen vorsehen können.

Was ändert sich für Arbeitgeber und Arbeitnehmer?

Die Arbeitgeber erhalten durch den neuen Art. 19a FZG die Gelegenheit, ihren Mitarbeitenden eine attraktive und moderne Vorsorgelösung anzubieten (zum Beispiel über elektronische Plattformen) – und das bei gleichzeitiger Risikominimierung. Für reine Kapitalpläne mit voll rückversicherten Risikoleistungen wird das Anlagerisiko durch die Versicherten getragen und so jegliche Eventualität einer Unterdeckung und damit wiederum allfällige Sanierungsmassnahmen ausgeschlossen. Aufgrund der Streichung der Arbeitgebergarantien dürften diese Vorsorgepläne im Übrigen gemäss internationalen Rechnungslegungsstandards zukünftig nicht mehr als Vorsorgepläne im Leistungsprimat angesehen werden. Dementsprechend können Unternehmen die Vorsorgeverpflichtungen in ihren Bilanzen reduzieren. Das neue Konzept der individuellen Auswahl aus Anlagestrategien stellt ebenfalls eine ideale Lösung für die Gewährung von Boni an die Mitarbeitenden dar. Somit muss die Gelegenheit zur Einrichtung eines 1e-Vorsorgeplans, mit dem die Erwartungen der Arbeitgeber, der Vorsorgeeinrichtungen und auch der Mitarbeitenden erfüllt werden, unter eingehender Analyse der Bedürfnisse und des Angebots geprüft werden.

 

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